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Nichts

Das Wort Nichts

Seit mehreren Wochen versuche ich der Frage auf den Grund zu gehen, was meine eigentliche Berufung bzw. Lebensaufgabe ist. Ich merke dann, daß ich, wenn ich ganz genau bin, eigentlich nichts Äußeres, etwa als Handwerk oder Jobtätigkeit Identifizierbares, angeben könnte. Ich kam immer wieder darauf, daß da eigentlich nichts Bestimmtes in dieser Art sei — außer natürlich dem Hauptaugenmerk Selbsterkenntnis. Die tiefere Erfahrung bei Selbsterkenntnis wiederum ist Leere (oder Reines Sein, gleichzeitig in seiner Leere und Fülle, aber nicht genauer zu beschreiben). Es ist genau das, was mich damals, 2001, dazu geführt hat, den Namen "Nichts" für mein Blog zu verwenden. (Das ich dann später in einer Buchausgabe veröffentlicht und vertrieben habe.)

Wie jeder weiß, hat das "Nichts" im Westen keinen besonders guten Beigeschmack. Dies hält mich aber in keiner Weise ab. Ganz im Gegenteil: Denn was hier gemieden wird, ist genau die Kernerfahrung der Existenz, nämlich sich selbst (Leere, zeit- und raumlos) als Grundvoraussetzung, ja eigentliche Achse allen Seins und aller Lebenserfahrung zu erkennen. Der Osten hat hierfür den Begriff Nirvana.

Für mich ist Nichts zugleich Alles. Es bedeutet totale Freiheit. Es bedeutet aber zugleich auch totale Verantwortung, als Selbstverantwortung. Nichts, was gefühlt oder empfunden werden kann, kann dann noch abgespalten, geleugnet oder verdrängt werden. Und es gibt auch kein Bevorzugen mehr. Wer sich nicht mehr mit etwas Speziellem identifiziert, ist mit allem konfrontiert. Du stehst dem Leben dann in seiner Gesamtheit gegenüber, bzw. du bist das.

Diese ganz bestimmte Qualität

Daß Präsenz ganz aus sich allein heraus ihre eigene Schönheit hat, war mir vorher nicht so richtig aufgefallen. Ich hatte sie anscheinend immer in Verbindung mit bestimmten Eindrücken oder Stimmungslagen gesehen. So gab es dann doch, auch wenn es unterschwellig ablief, immer noch eine Unterscheidung in das Besondere und das gar nicht Besondere. Also habe ich dann eben doch das Besondere gesucht: das besondere Erleben, die besondere Einsicht, jedenfalls etwas, das sich aus dem alltäglichen Einerlei heraushob.

Erst seit kurzem hat sich dabei etwas geändert. Ich weiß aber nicht, wodurch diese Änderung veranlaßt worden ist. Normalerweise wäre das wieder etwas gewesen, das ich als spektakulär vermerkt hätte (eben wieder "etwas Besonderes"). Vielleicht ist dieses Mal einfach etwas von selbst zur Ruhe gekommen. Jedenfalls konnte ich das Präsenzgefühl nun in ganz normalen Situationen, wie sie den Hauptteil des normalen Alltagserlebens ausmachen, schätzen und auskosten: ein Gehen auf dem Bürgersteig, oder zwischen den Regalen eines Supermarkts. Das Abstellen des Fahrrads; das Abschließen. Das Überqueren einer Straße. Warten an einer Ampel. Fahren in einem Aufzug. Verrichtungen im Haushalt.

Vorher hätte ich angenommen, daß es wichtig sei, all diese Tätigkeiten oder Erfahrungen mit der Aufmerksamkeit zu begleiten — mir ihrer bewußt zu sein. Da ist ein Eindruck, und dieser Eindruck soll genauer und plastischer wahrgenommen werden, statt einfach an ihm vorüberzueilen. Im Unterschied dazu ist es jetzt aber so, daß die Erfahrungen und Eindrücke gar nicht das sind, worum es geht. Sondern der Präsenzzustand selbst ist die Erfahrung und der Eindruck. Es ist die Fülle dieses Zustands, die den eigentlichen Wert darstellt. Und dieser Wert ist das Eigentliche; der Rest ist nur Kulisse. Er ist das, was bleibt und was darüberhinaus auch unzerstörbar ist. Er ist das, was satt macht und die wahre Genugtuung verschafft.

Dummheit bestraft sich selbst

Gleich bei mehreren Begebenheiten in jüngster Zeit, und gestern gleich zweimal, ist mir aufgefallen, wie Konflikte entstehen und was mein Anteil daran ist. Nehmen wir einmal an, der Konflikt wird nicht von mir, sondern von einem Gegenüber aufgebaut. (Ich setze mich hier nicht von vornherein ins Vorrecht, sondern ich konnte das gestern sehr klar beobachten, und dann brauche ich das auch nicht zu verdrehen.) Bislang reagierte ich stets so, wie auch fast jeder andere reagiert: Ich baute von meiner Seite her Gegendruck auf. Wenn man sich im Recht fühlt und automatisch in dieser Art reagiert, gesteht man sich aber nicht ein, selbst zum Teil des Konflikts zu werden, sondern findet Rechtfertigungen, so als wäre man der Wahrheit, der Sache als solcher oder dem eigenen Stolz, der eigenen Würde etc. verpflichtet, dem Gegenüber nicht einfach beizupflichten, sondern "die andere Seite" weiter aufrechtzuerhalten. Psychologisch bzw. emotional führt das aber immer schon auf beiden Seiten zu einem Unbehagen. Aber darum geht es nicht in erster Linie, und es geht auch nicht darum, dieses Unbehagen zu vermeiden. (Das ist ein typischer Irrtum einer gewissen Art von bemüht guten Menschen, die dann versuchen, ihre eigenen Gefühle zu dem umzubiegen, was sie moralisch für vertretbar halten.) Der Punkt, auf den es eigentlich ankommt, ist das Aufbauen von Gegendruck. Man fühlt sich im Recht, beharrt auf der eigenen Sicht und macht einfach weiter. Was das Gegenüber natürlich in der Regel ebenfalls macht. (Es folgt spiegelbildlich demselben Muster.)

Ich gelange jetzt zum Glück mehr dahin, zu beobachten, wo ich Erwartungen aufbaue. Die soeben beschriebene Situation ist ein gutes Beispiel für Erwartungen. Nehmen wir an, ich lasse das Verhalten, das Denken, die Meinungen und Ansichten des Gegenübers einfach stehen. Nehmen wir an, ich erkenne von Anfang an, daß er sich irrt. Weshalb müßte mich das betreffen? Der entscheidende Punkt ist, daß das Gegenüber die Folgen seiner eigenen Sichtweise selbst auszubaden hat, nicht ich. Es ist also wichtig, hier die Verantwortungen zu trennen. Würden die Ansichten des Gegenübers für mich eine direkte Konsequenz bedeuten und hätte ich Nachteile, weil ich genötigt wäre, ihnen zu folgen, dann könnte ich immer noch, ohne mich überhaupt auf ihn zu beziehen, meine eigenen Erkenntnisse umsetzen. Ich müßte noch nicht einmal widersprechen. Interessant finde ich hier aber etwas, das mir vorher noch nie so deutlich geworden war: Dummheit, Beschränktheit, Voreingenommenheit bestrafen sich selbst — es ist nicht meine Aufgabe, das zu tun. Sondern es liegt in der Logik der Sache, und die Sache ist hier von perfekter Gerechtigkeit. Dasselbe betrifft auch jede Art von Unausgeglichenheit, Unzufriedenheit, oder auch Ärger, Mißstimmung oder provozierend kämpferische Haltung des Gegenübers. All das ist immer bereits Selbstbestrafung, und zwar Selbstbestrafung in sich und aus sich selbst heraus, und zwar wunderbarerweise ohne daß irgendein Zutun von irgendeiner Seite (und auch von meiner nicht) dazu nötig wäre.

Ich kann das also loslassen. Was immer möglich — und keine Schande, kein Eingeständnis, keine Niederlage — ist: einfach wegzugehen, oder einfach zu schweigen.


Großartiges Bild von Jens Marionette (Sathya Deva):

Bild

Quelle

Die Mitteilungen des Seins

Niemand kann sich anders verhalten, als wie er ist. Es ist stets das So-Sein, das sich mitteilt — bei jedem, und ob man das will oder nicht. Das eigene Sein durch Denken verändern zu wollen ist aussichtslos und absurd. Umso mehr, das Sein anderer durch Reden verändern zu wollen. Sie müssen tun — und können nichts anderes tun — als was ihnen vom Leben aufgetragen ist.

Das einzige, was hier noch interessiert, ist der Unterschied zwischen blockiertem Sein und vitalem Sein als spontanem, fließendem Lebensausdruck. Aber weder bei mir noch bei anderen könnte ich die Lebenskraft durch Erklärungen in Fluß bringen.

Einmal abgesehen vom Mitteilen von Informationen (die eigentliche Aufgabe des Sprechens) hat Reden kaum oder keinen Sinn. Die eigentliche Mitteilung geschieht durch das Sein. So, wie einer ist, beeinflußt er. So, wie er ist, fühlt und empfindet er. Der Ausdruck geschieht als Folge davon. Wie das Zwitschern des Vogels, das Brüllen des Löwen, das Zirpen der Grille, das Quaken des Froschs. Oder das Brausen des Sturms.

Frage dich also nicht, was du sagst oder denkst, sondern was und wie dein Sein ist, und ob es klar und frei oder verwirrt und geknebelt ist. (Hier befinden wir uns auch an der Wurzel aller Politik. Nie vergessen: das Denken und alle daraus geformten Konzepte sind immer nur Überbau und Folgeerscheinung, also Sekundäreffekte.)

Die Leute

Das Einfachste ist es wohl, so zu tun, als gäbe es diese ganzen "anderen Leute" gar nicht — was in Wahrheit auch zutrifft, denn um überhaupt in dieser Richtung denken zu können, muß immer erst eine geistige Projektion gebildet werden.

Was es gibt, ist die Wirklichkeit, die sich mir zeigt. Diese Wirklichkeit nimmt verschiedene Ausprägungen an, in denen auch andere Menschen vorkommen, und zwar jeweils nur im Moment. In diesem Fall liegen meine Reaktionen komplett in meiner eigenen Verantwortung. Die anderen zeigen nur unterschiedliche Konstellationen des jeweils spontan entstehenden Bildes. Ihnen weitere Substanz zuzubilligen ist nur die spiegelbildliche Erschaffung des Ich-Konzepts.

Spiele dein Lied!

Hier findet man die Wahrheit über das Verhalten des durchschnittlichen Massenmenschen heraus. Er kann nicht selbst denken und nicht selbst wahrnehmen. Das ursprüngliche authentische Empfinden für Qualität und Wahrheit geht ihm ab. Man muß ihm hineinstopfen, wie einem Kleinkind den Babybrei, was er für wahr, richtig, gut und lebenswert zu halten hat.

Der Krieger (hier: Künstler, Musiker, oder allgemein: der freie Mensch) tut, was für ihn gut und richtig ist, aus sich selbst heraus, und kümmert sich nicht darum, ob der Massenmensch ihn anerkennt, bestätigt, ablehnt, verdammt, beneidet, ignoriert etc.

Warum man den vermeintlichen Gegnern dankbar sein kann

Sie werfen einen auf sich selbst zurück.

Mir ist das zum ersten Mal aufgefallen bei einem Nachbarn, der sich aus mir völlig unerfindlichen Gründen entschlossen hat, mit mir nicht mehr zu reden. (Ich habe ihn auch danach zu fragen versucht, aber er wollte mir nicht antworten.) Zuerst hat mich das gestört, in gewisser Weise sogar gekränkt. Gerade weil ich nicht wußte, was die Ursache für die entstandene Kluft war. Ich bildete mir dann in meinem eigenen Denken eine Reihe von Urteilen über diesen Menschen und sah in ihm ein besonders unglückliches, gescheitertes Exemplar Mensch. Jedes Mal, wenn ich ihm begegnete, hatte ich ein schlechtes Gefühl. Das schob ich alles auf ihn, denn an mir lag es ja offensichtlich nicht.

Ich bin dann darauf gekommen, daß mir sein Verhalten hilft. Es hilft mir, zu erkennen, wo ich Erwartungen habe und wo ich meine, auf freundliche Behandlung von außen angewiesen zu sein, diese quasi einfordern zu können. Ich sehe jetzt, daß das ganze Problem auf meiner Seite besteht und daß ich das Unbehagen selbst erschaffe. (Was in ihm vorgeht, ist allein seine Sache und geht mich gar nichts an. Ich muß ihm auch nicht "helfen", aus seiner selbstgewählten Blockade herauszukommen oder seine eigenen Projektionen auf mich loszuwerden.) Wie ich im ersten Satz schon festgestellt habe: Es passiert nichts anderes, als daß ich auf mich selbst zurückgeworfen werde, und das ist ohne Einschränkung positiv. Es ist eine Hilfe, ja sogar eine Unterstützung, nur eben anders als gewohnheitsmäßig von mir erwartet.

Genau so kann man auch das Verhalten der deutschen politischen Führung dem Volk gegenüber betrachten. Das Volk, und damit meine ich nicht einen abstrakten Begriff oder ein idealisiertes, mythologisch aufgeladenes Etwas, sondern die Mehrheit der Mitbürger in dieser Kultur, also die einzelnen Menschen in ihrem jeweiligen Erleben und Fühlen, wird ebenfalls auf sich selbst zurückgeworfen. Jeder einzelne Mitbürger wird das. Es setzt ihn unter Druck, wo er vorher diesen Druck nicht spürte, weil alles für ihn besorgt wurde und er sich nicht weiter mit seiner Rolle in Bezug auf Freiheit oder Unfreiheit, Recht oder Unrecht, Wahrheit oder Lüge, Selbstverantwortung oder Verantwortungsvermeidung auseinanderzusetzen brauchte. Eben das wird ihm jetzt aber nicht erspart. Er muß Farbe bekennen. Er muß aus dem bequemlichen Konsumenten- und Fürsorgeempfänger-Dasein herauskommen, ob er will oder nicht. Wenn er nicht aufwachen will, dann wird der Druck eben so lange und so weit erhöht, bis er wohl oder übel mit den Tatsachen zusammenprallen wird.

Man kann diese Situation als problematisch sehen, aber auch sie ist nicht nur hilfreich, sondern notwendig. Das Projizieren (ob auf meinen Nachbarn, als einen dummen, bösen, der Täuschung unterliegenden Menschen, oder auf die politische Führung als einer verräterischen, schlechten oder kriminell gewordenen) ist nichts als das Verweigern der hilfreiche Lehre, die in der gewohnheitsmäßig abgelehnten Situation steckt. Man muß nur genauer hinschauen, dann sieht man es.

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